Soho House, Berlin
Willkommen im Club
Die Adresse lautet Torstraße 1 in 10119 Berlin, aber wer das achtstöckige Haus mit der charakteristisch geschwungenen Fassade betritt, beginnt in Wirklichkeit eine stilistische Reise um die halbe Welt. Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf in ein schillerndes Potpourri aus Industrial Chic, Art Deco und Shabby Chic, angereichert mit Fundstücken aus englischen Clubs, amerikanischen Diners und Grandhotelinterieur undefinierbaren Ursprungs. Mächtige Kristalllüster funkeln hier einträchtig Sandsteinkamine im Chateau-Stil und verwitterte Holzplanken aus brandenburgischen Bauernhöfen an. In ausladenden Landhaussofas mit englischen Floralmustern, auf denen Kleinfamilien übernachten könnten, ohne sich groß in die Quere zu kommen, sitzen Gruppen von Kreativarbeitern und tippen still auf ihre iPhones oder iPads ein. Das Ganze wirkt, als sei man Gast eines wohlhabenden, leicht exzentrischen Freundes mit ausgeprägter Sammelleidenschaft, der eine ganze Reihe Gleichgesinnter zu sich nach Hause eingeladen hat.
Und letztlich ist es genau das, worum es im denkmalgeschützten Haus Torstraße 1/Prenzlauer Allee geht. Das im Mai 2010 eröffnete „Soho House“ in Berlin-Mitte ist ein Boutique-Hotel mit 40 Zimmern und Privatclub für derzeit gut 2.000 Mitglieder aus Medien, Musik, Film, Kunst und sonstigen Kreativdisziplinen. Für 75 Euro Monatsbeitrag können sie hier auf rund 4.000 Quadratmetern Freunde oder Geschäftspartner treffen, essen und Sport treiben, entspannen oder arbeiten, am wichtigsten aber: Das eine tun, ohne das andere zu lassen. „Das Soho House“, konstatierte die „Süddeutsche Zeitung“, „ist so etwas wie Facebook, bloß analog, exklusiver und mit Speisekarte.“
Gegründet wurde Facebooks erfolgreiche Analog-Ausgabe vom britischen Gastronomen Nick Jones. Sein erstes Soho House, 1995 im gleichnamigen Londoner Stadtteil gegründet, ist eine Art entspanntes Gegenmodell zu den traditionell steifen britischen Clubs. „Ich fühle mich in der Gesellschaft von Schlipsträgern nicht besonders wohl“, sagt der 47-Jährige, „wir wollen Individualisten, keine Schlipsträger.“ Weil es offenbar ausreichend club-taugliche Individualisten gibt, die Gleichgesinnte treffen wollen, haben mittlerweile drei weitere „Soho Houses“ in London, jeweils eines in New York, West Hollywood und Miami sowie eine ländliche Dependance in Somerset eröffnet. In Mumbai befindet sich gerade das erste indische Soho House im Bau.
„Jedes Soho House richten wir individuell und mit Blick auf Standort, Architektur und Geschichte ein“, sagt Heide Proett, die Kommunikationschefin des Berliner Clubs. Keines der neun Soho Houses hat eine derart bewegte Vorgeschichte wie das Gebäude an der Kreuzung Prenzlauer Allee und Torstraße, das 1928/1929 als Kreditkaufhaus Jonass errichtet worden war. Nachdem die jüdischen Eigentümer von den Nazis vertrieben worden waren, zog der „Reichsjugendführer“ der NSDAP in dem Gebäude ein. Nach dem Fall des Dritten Reiches wurde es in „Haus der Einheit“ umgetauft und zum Sitz von SED-Parteispitze und damit der DDR-Staatsführung. Bis 1954 tagte hier das Politbüro der DDR, und man kann sich vorstellen, wie damals Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht vom Balkon des Saales im zweiten Stock, auf dem sich heute Dinnergäste eine schnelle Zigarette gönnen, hoffnungsfroh über ihre junge sozialistische Republik blickten. Als sich diese Hoffnungen und damit die DDR zerstreut hatten, stand das Haus einige Zeit leer, bevor die Soho House-Besitzer es für sich entdeckten.
„Wir hatten schon länger nach einer geeigneten Location in Berlin gesucht und dieser Bau hat mich sofort angesprochen“, erklärt Clubchef Jones. „Seine Geschichte und die Substanz haben uns erlaubt, hier alles zu tun, was wir wollten.“ Architekt Alex Michaelis (Michaelis Boyd Associates, London) revitalisierte das Gebäude behutsam mit Blick auf seine architektonischen Wurzeln. Und so fiel die Wahl des Schalterprogramms nahezu selbstverständlich auf die „Berker Serie 1930“, die genau wie das Haus Torstraße 1 unverkennbar in der Ära des Bauhauses verwurzelt ist und in den Zimmern nicht nur das Licht, sondern auch die Fußboden-, Handtuch- und Spiegelheizungen regelt.
Inneneinrichterin Susie Atkinson wiederum sorgte dafür, dass die prominente Immobilie heute so wirkt, als sei ihre Geschichte nicht mehrmals brutal unterbrochen, sondern mit immer neuen phantasievollen Kapriolen munter fortgeschrieben worden. Während man sich im Restaurant „House Kitchen“ mit seinen recycelten Kacheln und schweren Eisenleuchtern noch in einem amerikanischen Diner wähnt, scheint der „Club Floor“ einem Künstleratelier aus den Fünfzigern nachempfunden. Das Privatkino im Untergeschoss wiederum könnte mit seinem tiefroten Teppich und den 30 troddelbehängten Sesseln aus einem insolventen Grandhotel geborgen worden sein, die gut ausgestattete Bibliothek nebenan ist mit Registraturen aus der British Library bestückt. Die Dachterrasse im achten Stock mit Holzdeck, grasgrünem Pool und schneeweißen Sonnenliegen wiederum wirkt von einem Strandhaus in den Hamptons inspiriert. Erst hier, wenn der Besucher hinunter auf die achtspurige Prenzlauer Allee mit ihrem grauen Band aus Plattenbauten und dem Fernsehturm im Nebel blickt, realisiert er, wo er wirklich gelandet ist: Im Berlin des Jahres 2011 – jener Stadt, die die halbe Welt in sich trägt. Mindestens.



